Mittwoch, 19. September 2012

der 54. Tag

Mittwoch, 19. September 2012 

Heute ist der 54. Tag meines Trips - wenn ich mich nicht verzählt habe. Das hat ein bisschen Bedeutung, denn ich war noch nie so lange von Zuhause weg.

Derzeit bin ich immer noch in Varkala. Ich merke langsam, dass ich mal länger an einem Ort bleiben möchte. Einfach mal vier Wochen nicht vom Fleck bewegen, alles in der nächsten Umgebung mal ein bisschen genauer kennenlernen. Dazu fehlt mir aber noch der perfekte Lokation.

Otres Beach 2008 in Kambodscha wäre so ein Ort. Das Guesthouse stand sowas von nah am Wasser, das man nach dem aufstehen quasi schon nasse Füße hatte. Und Hängematten, ganz wichtig! Strand und Hängematten! Hier konnte man wunderbar einen Tag genauso wie den anderen verstreichen lassen und sich auf die kleinen, sonst übersehenen Dinge im Tagesverlauf einlassen. Zum Beispiel den Ameisen dabei zugucken, wie sie einen Mangokern abnagen. Oder wie die Küken die Glucke in unregelmäßigem Orbit umkreisen.

Mich haben schon - trotz aller Vorsicht - hunderte von Mücken geprickt, nix ist passiert. Kein Malariaanfall, kein Denguefieber. Eine kleine Mittelohrentzündung, Pickel anne Beine, Durchfall, mehr war bisher nicht. Alles nichts Schlimmes. Zwei Geocaches habe ich gelegt. Einer wurde abgelehnt, der andere ist noch im Reviewprozess. Ein paar Klamotten habe ich neu gekauft und ein paar andere können langsam mal die Heimreise per Post antreten. Und wieviele und welche Bücher ich gelesen habe, kann ich auch nicht mehr komplett aufzählen. Fünf oder sieben vielleicht. Auch die Behördenpost wird langsam weniger. Es ist schon verrückt: Da schreibt das Finanzamt, die KFZ- und Krankenversicherung und das Arbeitsamt irgendwelche Briefe über Themen, die man schon lange als abgehakt betrachtet hat. An dieser Stelle vielen Dank an Muttern & Arno, die das alles geflissentlich einscannen und per Elektropost um die Welt schicken!

54 Tage hören sich ganz schön üppig an. Das ist auch viel, aber auchwieder nicht. Denn im Rückblick bleiben immer zwei Zeitgefühle hängen. Zum Einen merkt man, wie schnell die Zeit rumgegangen ist. Ganz besonders dann, wenn man mal tagelang nichts unternommen hat. Privatiers und andere Tagediebe werden mir beipflichten :-) Mit schlafen, lesen, Internet und auf's Meer starren inklusive nachdenken, kann man einen Tag locker ausfüllen. Andererseits kommt es mir endlos lange vor. Klar, Deutschland ist auf der Zeitachse richtig weit weg. Und was ich schon erlebt habe, füllt langsam einen meterlangen Blog. (Olli S. aus H. und andere meinten, das könne man vielleicht sogar als Buch verlegen. Aber erstmal fertigreisen...) Die Tage, an denen man was unternimmt, sind die Kilometersteine, die einem zeigen, welchen Weg man ja doch schon zurückgelegt hat. Was bleibt, ist die Erinnerung.

Aber auch die Aussicht auf hunderte von Tagen, die noch kommen werden. Das ist schon ein Gefühl von totaler Freiheit, das sich langsam breit macht. Es wird greifbarer. Die Frage nach dem was-kommt-danach, die stelle ich mir immer seltener. Natürlich schaut man sich um, vielleicht könnte man ja Ayurveda-Produkte verkaufen oder Steinmetzarbeiten. Keine Ahnung, das ist auch eigentlich derzeit kein dringendes Thema.

Tja, "Zuhause... was ist das eigentlich?", mag man denken. Irgendwie fühle ich mich gerade überall zuhause. Solange es angenehm ist und man gerne noch ein paar Tage länger bleibt, kann man das schon als derzeitigen Mittelpunkt hinstellen. Ständig wird man gefragt "Which country you are from?". Und in letzter Zeit bin ich anstatt "Germany" zu sagen, langsam soweit, so was offen lassendes wie "I was born in Germany" zu antworten. Das führt dann zwar zu Nachfragerei, aber was solls?, ich habe ja Zeit.

Doch Barsinghausen und Hannover, das ist zumindest Heimat. Da sind meine Leute, meine "Kultur". Und durch den Kontakt per Facebook, Skype und E-Mail ist es so nah, wie noch in keinem Urlaub. Auch wenn ich gerade keine Sehnsucht auf diese Ecke Heimat habe, wird das wohl immer Heimat bleiben. Homebound we are, homebound we stay. Oder um es in Linux-sprech zu sagen: "/home, sweet /home" :)

So, und morgen schreibe ich das Gleiche nochmal, denn länger als 55 Tage war ich noch nie von Zuhause...

Montag, 17. September 2012

Thiruvananthapuram

Samstag, 9. bis Mittwoch 12. September 2012

Eigentlich wollte ich von Madurai über Thiruvananthapuram (auch Trivandrum genannt) gleich weiter bis nach Kovallam oder Varkala. Da ich aber erst um neun Uhr abends ankam wollte ich erst am nächsten Tag weiter. Die Fahrt per Bus nach T. war erst landschaftlich öde, wurde aber im Süden besser. Langsam gab es Berge zu sehen und irgendwie war hier alles schöner als um Madurai herum. Der Bundesstaat Kerala verhieß Abwechslung statt landschaftlicher Einöde.

Nach dem Einchecken im Hotel ging ich nochmal raus zum Essen fassen. Lecker, aber nächsten Tag hatte ich die Scheißerei mit kurzzeitigen 39 Grad Fieber... Kam das vom Essen? Vielleicht war es Sal, die alte, schlitzohrige Salmonelle? Ich weiß es nicht. Jetzt musste ich hier bleiben. Njärg! Pläne vereitelt. Man kann sich ja nicht in den Bus setzen, wenn es kein Klo gibt. Es gibt ja nicht mal Fensterscheiben in diesen Transportblechen. Aber das TV-Programm im Zimmer gab sogar einen deutschen Sender, von dem ich noch nie gehört hatte, preis. Ich vertrieb mir die Zeit zwischen den immer seltener werdenden Toilettengängen mit lesen, Internet und TV.

Pinkelblockade?

Affenyoga

Diskussionen


Am Mittwoch bin ich dann geheilt morgens noch in den Zoo gegangen und habe mir die Affen, Flughunde, Tiger, den Leopard und die ganzen anderen Viecher angetan. Die Krokodile waren wie gelähmt. Sie lagen in der Sonne und zeigten keine Regung. Die hätten sich auch bei Madame Toussaud's einschleichen können - keiner hätte es gemerkt. Total auf stand-by. Mit toten Augen und mit offenem Maul hingen sie da rum und warteten auf bessere Zeiten. Oder vielleicht auf einen dummen Touristen, der sich über den Zaun wagt.

die toten Augen von Trivandrum

Ey! Was guckst du! Gib Uhr!

Flederhunde

Was geht in diesen Krokoköpfen ab, dachte ich. Endlosschleife? 10 PRINT "", 20 GOTO 10? Oder waren sie gefangen in einem temporären Fragment? Totale Leere wahrscheinlich. Aber vielleicht brüteten sie auch den nächsten Dostojewski-Roman aus. Großartige Einsichten über die Krokodilnatur. Schuld und Sühne: Raskolnikow als Schuppentier, und dann die Einsicht, das Leben in totaler Ignoranz gegenüber der Realität verpasst zu haben.

Leo

unschuldig in Untersuchungshaft

Schlange isst Vogel

Donnerstag, 13. September 2012

Madurai

Donnerstag, 6. September bis Sonntag, 9. September

Warum ich es in Madurai freiwillig länger als nötig ausgehalten habe, kann ich im Nachhinein nicht mehr rekapitulieren. Ich habe mir die riesige Tempelanlage ansehen wollen, deshalb war ich hier. Und das war auch schon alles. Natürlich kam etwas dazwischen, aber ich hätte auch schon am Samstag wieder aufbrechen können.

Vogelperspektive

Bin ich etwa schon reisefaul geworden? Kann das sein? Kurz nachgedacht, glaube ich, ich war schon immer reisefaul. Also das eigentliche Orte-wechseln - dem stehe ich nicht so aufgeschlossen gegenüber... Es ist meistens ein Krampf: Sachen packen, Busfahrt, Hotel suchen. Mein Krampf.

was für 'ne Mischung - James Joyce und Atze - Arrrgghh!

Mit dem Zug ging es von Changgalpattu (bei Mamallapuram) nach Madurai. Inklusive Anfahrt von Mamallapuram per Bus war ich locker 8 oder 9 Stunden auf Achse. Aber Zug fahren werde ich wohl so schnell nicht wieder. Nicht weil es total übel gewesen wäre. Nein, es war ganz ok. Nur muss man hier in Indien früh vorbuchen, um einen Platz zu kriegen. Und da ich eher planlos unterwegs bin, beißt sich das nunmal.

Streetlife

Gleich am Freitag habe ich mir den Sri Meenakshi Tempel angesehen. Erstmal kam ich nicht rein, weil ich einen Lunghi anhatte, und keinen Dhoti! Lunghi ist bunt, Dhoti ist weiß - das Ding, das Gandhi immer anhatte. Also musste ich mir erstmal um die Ecke einen Dhoti zulegen.

Tempelanlage aus der Ferne

draußen vor dem Tore

Im Tempel dann der Wahnsinn! Von außen war ja schon einiges zu sehen, aber drin war echt streckenweise die Hölle los. Leute, die was rezitieren oder vorbeten, Anhänger, die es nachsprechen. Ein Steinkalb, das mit Butter beworfen wird. Shiva (?) wird von den Pilgern mit roter Farbe angemalt. Überall stehen sakrale Dinge herum, die es gilt anzubeten.

Prunk!


Vorbeter (Video)

Alle machten seltsame Verbeugungen und Ehrenbezeigungen an jeder möglichen Devotionalie. Zum Beispiel fasste der eine sich mit den Händen über kreuz an die Ohrläppchen und machte drei/vier schnelle Minikniebeugen. Ich grinste, denn das sah ein wenig nach Augsburger Puppenkiste aus. Über eine goldbeschlagene Stufe streift man mit dem nackten Fuß oder berührt erst die Stufe mit den Fingerspitzen und dann damit Schultern und Stirn. Manche knien sich vor Ganesha hin, andere legen sich komplett flach ausgestreckt auf den Boden. Die nächste Statue wird mehrmals umrundet. Und so weiter.

winziger Ausschnitt aus den Gesamtkunstwerken

cool Hindu

Der innere Teil des Tempels ist für nicht-Hindus tabu. "Oder bist du etwa Hindu?" fragte mich ein rundlicher Torwächter. "Neeeee..." lächelte ich. Mist, Mist, Mist!, dachte ich später. Das bisschen Spontaneität hätte ich da nun wirklich abliefern können! Ein "Ja, natürlich bin ich Hindu! Sieht man das etwa nicht?" statt einem schnöden "Nee" war eigentlich nicht zuviel verlangt. Aber vielleicht haben sich Respekt und Überwältigung die Klinke in die Hand gegeben und die Dreistigkeit weggesperrt. Tja, eventuell hätte es ja hingehauen. Was es da drin wohl noch verrückteres zu sehen gegeben hätte?
 

1000-Säulen-Halle

East-Gate oder South-Gate, oder doch West-Gate?

Es war insgesamt total genial, aber auch ziemlich verstörend. Die Hindus lösen sich hier völlig in ihrer Religion auf. Der ganze Prunk, die Rituale, das ist schon beeindruckend und zumindest glaubt man mitzukriegen, wie tief das ganze doch in der Gesellschaft verankert sein muss.

das Butterkalb wird saubergeschrubbt

nicht kleckern... klotzen!

Nach dem Tempel musste ich mich dann mal um deutlich weltlichere Belange kümmern: meine Telefonkarte war gesperrt worden! Ich hatte schon am Vortag zwei SMS bekommen, dass mein Visum abgelaufen sei und deshalb die Karte bald gesperrt würde. Das war natürlich Quatsch und ich befragte diverse Hotlines und SIM-Karten-Onkels. Kein Problem, da passiert nix, versicherte man mir immer wieder. Tja, Pustekuchen, jetzt war ich offline. Ein Internet-Junkie ohne Netz und einem doppelten Boden der aus verschwitzen Internet Cafés mit unmöglichen Öffnungszeiten besteht... Das kann doch nix werden! Im Vodafone-Shop habe ich dann rausbekommen, was eigentlich los war: das Ablaufdatum des Visums wurde mit dem Einreisedatum verwechselt. "Kriegen wir hin. Dauert zirka vier Stunden." sagte Mr Karuppasamy, machte eine erneute Kopie meines Reisepasses und mailte sie an irgendsoeinen zuständigen Michael Rush. Heute, mittlerweile in einer anderen Stadt und nach vier Tagen und fünf Hotlines bei denen keiner rangeht, war ich es endgültig leid und habe mir eine neue Karte - diesmal aber nicht von Vodafone - gekauft. Mal sehen, wie lang deren Halbwertzeit ist.

Madurai

Das ganze Hick-Hack war auch der Grund, warum ich noch länger in Madurai geblieben bin. Madurai ist einer dieser schrecklichen, indischen Verkehrsknotenpunkte. Lärm, Smog und Straßendreck prägen das Stadtbild.

Trashtown Madurai

Abends war ich in einer Rooftop-Bar mit guter Aussicht und machte mich über die ersten Seiten von Charles Dickens "David Copperfield" her. Er beschrieb gerade, wie er seine ganz frühe Kindheit in einem Haus mit schönem Garten verlebte... da schweifte ich auch schon ab, zum Haus meiner Großmutter und mir fielen die ganzen dortigen Kindheitserlebnisse wieder siedendheiß ein. Am nächsten Tag habe ich dann angefangen, eifrig meine Erinnerungen "bei Oma Martha" aufzuschreiben. Mal sehen, vielleicht wird ja was draus. Vielleicht finde ich ja Worte, die warm genug sind dafür. Mal ohne Kodderschnauze...

Lightning and Temple complex at night

Am Samstag war ich im Gandhi Memorial Museum. Ich glaube ich werde alt, denn ich fand es echt gut. Es besteht aus 30 Tafeln, auf der die Befreihung Indiens von den Briten nachzulesen war und ein paar anderen Schautafeln, Fotos und Gegenständen. Und sein verblichen-blutbefleckter Dhoti, den er beim Attentat anhatte, ist auch ausgestellt. Das war schon bewegend, davor zu stehen. Zum Glück lag er unter einem Glaskasten, sonst hätte bestimmt wieder irgendein Ballermanntourist daran rumgefummelt oder sich das Ding angezogen und damit für die Kamera seiner hirnverbrannten Mitreisenden posiert.

Indien in Sklaverei unter den Briten

sein letzter Dhoti

vorm Gandhi Memorial Museum


aufwachen! ich will zurück :)

Oh, ach ja! Kleiner Nachtrag zu Mamallapuram bzw. Chennai. Irgendwo habe ich mir "das hier" zugezogen. Beide Beine ab Knie und rechter Unterarm. Einer sagte, es seinen Mückenstiche. Ich dachte: Bettwanzen. Der nächste: Hitzpickel. Ich dachte: die Krätze! Der verrückte Holländer war auch schwer betroffen und sagte, das kommt vom Kratzen, damit schiebt man sich den Dreck aus dem Leitungswasser unter die die Haut. Jetzt, gute zwei Wochen später ist fast nix mehr davon zu sehen. Das Kratzen habe ich mir jetzt abgewöhnt. Seine Theorie klang noch am plausibelsten. Bäh!

Krätze-Luigi

Sonntag wollte ich dann nach Kovallam weiter, bin aber in der Stadt mit dem einprägsamem Namen Thiruvananthapuram hängen geblieben. Dazu aber später mehr auf dieser Frequenz.



Dienstag, 11. September 2012

Mamallapuram

Donnerstag, 30. August bis Donnerstag, 6. September

Mamallapuram - das war jetzt nötig, nach dem Gewusel in Chennai. Hier lässt es sich aushalten. Mamallapuram ist klein, liegt am Meer und fünf ist hier per Definition eine gerade Zahl. Das Touristenghetto bietet alles, was das Herz begehrt: Tinneff, Klamotten, Pizza und Bier. Und gutes Essen, zum Beispiel im Gecko's.


Krishna's Butterball

Gerade an dem Tag, an dem ich ankam, begann eine hinduistische Festivität, die durch ohrenbetäubend laute Musik gekennzeichnet ist. Im Stadtkern plärrte aus riesigen, trötenförmigen Lautsprechern von morgens um sechs bis abends um neun indische Chaosmusik. Ich wollte erst in ein Guesthouse einziehen, das genau im Zentrum lag, aber dort war es einfach zu laut. Eine bis zwei Straßen weiter ließ es sich dann ganz gut aushalten.

Das Fest dauert vier Tage und an die sage und schreibe 15 Stunden Druckbeschallung pro Tag wurde sich auch nicht wirklich gehalten. Feuerwerk und weitere Musik folgte meist nach neun Uhr abends. Früher dauerte das Fest ganze zehn Tage am Stück, aber wegen des Tourismus wurde es auf vier Tage gekürzt.

Als ich mich bei Anamalai ("großer Berg") - einem Schneider - über Dauer und Lautstärke lustig gemacht habe, war er gleich ziemlich beleidigt. Um ein bisschen zurückzurudern, brüllte ich gegen den Lärm an: "Ich habe nix gegen die Musik, ABER DIESE LAUTSTÄRKE!" "This is culturally VERY IMPORTANT for us!" schrie er - glaube ich zumindest - zurück in mein Ohr.

beim Butterball

beim Butterball

Anamalai und Rajan, der Steinmetz, waren mir in der Woche, die ich in Mamallapuram verbracht habe, ziemlich gute Freunde geworden. Besonders bei Rajan habe ich ständig vorm Laden gesessen und mit ihm gequatscht. Er hat mich auch zu einer Verlobungsfeier nach Kondangi mitgenommen, was ziemlich irre war.

ein paar von Rajans Stücken

Zuallererst wurde ich dem künftigen Bräutigam vorgestellt und ich fragte ihn grinsend, ob er aufgeregt sei. Hier wird früh geheiratet, das Milchgesicht war maximal 20 Jahre alt, würde ich sagen. "Yes!!!" war seine Antwort, und das war noch untertrieben. Er sah aus, als hätte er die Hosen schon stundenlang gestrichen voll. Dann wurde ich einigen Anderen vorgestellt und es wollte natürlich jeder zweite ein Foto mit mir machen. Und bei alten Männern muss man vorsichtig sein, dass sie einen beim Umarmen nicht zerquetschen. Jüngere Semester haben das Umarmen aber scheinbar abgelegt.

Achtung beim Umarmen!

Die Verlobung selbst war ziemlich seltsam. Erst saßen sich ältere Männer in zwei Reihen auf dem Boden gegenüber - und Frauen in einem anderen Raum. Sie diskutierten und motzten und gestikulierten ernst. Was ist hier los? Wo ist eigentlich Rajan? Keiner konnte mir erklären, worum es gerade ging. Wurde hier vielleicht sowas wie ein Brautpreis ausgehandelt? Familie gegen Familie? Irgendwann habe ich aufgehört zu fragen. Ist ja auch egal, dachte ich, dann bleibt es halt schön mysteriös.

Dann stand sich das zukünftige Brautpaar völlig aufgeregt und aufgelöst gegenüber, tauschte Blumenkränze aus und krönte das ganze mit dem Tausch von Ringen. Beide bekamen noch eine Goldkette und das war es dann auch schon.

das Pärchen

Später gab es was zu Essen: jeder bekam ein blaues Blatt eingefettetes Papier als Teller vor sich gelegt und das Essen wurde aus Eimern draufgeklatscht. Und wow!, es war richtig lecker! Außerdem glaube ich langsam, dass Essen ohne Besteck einfach geschmackvoller ist. Vielleicht versaut der Metallgeschmack von Löffel und Gabel so einiges? Es gab gelben Gemüsereis, Zwiebelsalat und eine ölige Pampe, die etwas scharf war und vielleicht unter anderem aus Auberginen bestand. Dann noch künstlich grünes Glibberzeug und eine Banane zum Dessert. Ich saß in der Küche auf dem Boden, und spachtelte was das Zeug hielt. Die meisten saßen draußen an Tischen, aber ich war erst zu unentschlossen und musste mich dann mit dem Fußboden abgeben. Auch gut, das war bestimmt authentischer!

reinhauen!

Irgendwann tauchte Rajan wieder auf und er sagte, dass er gesehen hat, wie gut ich mich mit den ganzen Leuten unterhalten würde. Er hätte dabei nur gestört. Das war ein feiner Zug von ihm. Ich wette, ich hätte ihm nur am Rockzipfel gehangen und so kaum Kontakt zu anderen Leuten aufgenommen. Aber mir kam der Verdacht, dass er einfach nur fernab des ganzen Trubels in Ruhe einen Joint durchziehen wollte. Keine Ahnung.

Rajan links

Auf der Hinfahrt hatten wir schon je eins von diesen riesigen Bieren gekillt und auf der Rückfahrt stoppte er das Moped nochmal an einer lokalen Bierbude. Total verlottert und mit Gitterstäben gesichert auf einem zentralen Platz in einem Kaff, das zu neunzig Prozent aus Schlaglöchern bestand. Drum herum standen und hockten Leute, die Bier und Brandy tranken, genüsslich Rotz hochgurgelten und überall hinspuckten. Es war ja schließlich Sonntag. So gegen fünf Uhr nachmittags.

Wer jetzt sagt: "Diese Asiaten, das sind doch alles Dreckschweine! Überall Müll, rülpsen und spucken, schimmelige Matratzen und die wischen sich den Arsch auch noch mit den Händen ab!", dem kann ich nur sagen, dass das einfach eine andere Kultur als die Unsrige ist. Wer anfängt zu vergleichen - z. B. Deutschland mit Indien -, der hat schon verloren. Da gibt es nichts zu vergleichen, zumindest nicht mit anschließender Wertung. Es ist nunmal anders und das alles ist hier stinknormal, sonst würde man es ja hier nicht ständig erleben. In Europa sieht man heutzutage kaum noch Leute mit von Lepra verstümmelten Händen - mit halben oder ganz ohne Finger. Oder anders herum Menschen, die zwei Daumen an jeder Hand haben. Aber geht mal 100 Jahre zurück, da war sowas auch bei uns noch alltäglicher. Und die hygienischen Zustände waren irgendwann auch mal ähnlich.

Hygiene auf dem Fischmarkt

Am Mittwoch abend hat mich Rajan dann zu seiner Familie zum Essen eingeladen. Auch das war wieder großartig. Aber sein Haus ist quasi seit fünf Jahren ein Rohbau und er lebt mit seiner Mutter darin. Seine Frau hat ihn mit den beiden Kindern verlassen., denn er soll erstmal das Haus fertigbauen. Als ich meinte: "Vergiss sie, ihr müsst doch auch in den schlechten Zeiten zusammenhalten können! Such dir ne andere!", da sagte er nur, dass sowas nicht geht in Indien. Einmal verheiratet, wird man nie wieder eine andere heiraten können. Und heiraten muss man ja, sonst kann man nicht ... ihr wisst schon. :-)

Auch das klingt nach Steinzeit, aber diese Steinzeit ist bei uns erst seit maximal 40 Jahren vorbei.

Rollator deluxe?

Der Strand in Mamallapuram ist leider nicht der Rede Wert. Ich war nicht einmal im Wasser, aber es gibt noch einige Tempelanlagen zu besichtigen. Die fünf Rathas zum Beispiel sind Tempel, die aus jeweils einem Felsblock herausgehämmert wurden. Und besonders sehenswert ist die Ecke um Krishna's Butterball herum. Eine kleine Felslandschaft mit verschiedenen, versteckten Tempeln, die man über verschlungene Wege erreicht. Man schlendert ahnungslos durch Bäume und Gestrüpp und Zack! taucht völlig unerwartet wieder ein neuer Tempel auf.

Five Rathas

Shore Temple

Abends in der Jamaica Bar habe ich noch einen ziemlich verrückten Holländer kennengelernt - ziemlich aggressives Temperament, aber irgendwie auch ein Original. Und er macht eine sehr gute Bolognesesoße. Er verdient sein Geld aber lieber mit dem Schmuggel von Diamanten, Gold und anderen Sachen in kleiner Stückzahl. Nie mehr, als man offen am Körper tragen kann. Als ich dann auf diesen Artikel gestoßen bin, wusste ich plötzlich, warum er so durchgedreht rüberkommt und bin ihm dann natürlich aus dem Weg gegangen. Der schläft sicherlich keine Nacht mehr durch, und das sieht man ihm wirklich an.

auf der Karre vom Holländer

Samstag, 1. September 2012

Chennai, Indien

Dienstag, 28. bis 30. August 2012


Ok. Stellt euch vor, es ist Samstag Nachmittag, Bombenwetter. Hannover Innenstadt. Viele Leute sind unterwegs und am powershoppen. Fast schon ein Gedrängel. Außerdem die Straße am Leineufer (Leibnizufer): ordentlich Verkehr hier. So, und jetzt kommt das Straßenbauamt auf die glorreiche Idee, die Straße zu sperren und den Verkehr einfach durch die Fußgängerzone umzuleiten.
Ungefähr so war die Fahrt mit dem Taxi vom Flughafen nach Chennai rein. Natürlich gab es noch ein irres Dauerhupkonzert dazu und was man so im Dunkel erkennen konnte, sah streckenweise sogar so aus, wie die hannoversche Innenstadt. 1945.


mein Taxi

Ich kam im Stadtviertel Triplicane unter. Es gibt an den großen Straßen zwar Bürgersteige, aber die werden nicht benutzt, da ständig was im Weg ist. Leute, Hunde, Schutt- und Müllhaufen, Stolperfallen aus weggebrochen Wegplatten, eine Kuh. Man latscht also auf der Straße lang. Wenn man sich abschaut, wie die Einheimischen das machen, kann man sich ganz gut über Wasser halten.

maximale Zuladung erreicht


Müll

Ein riesiger Bus rauscht von hinten nur 10 Zentimeter vorbei, und dir bleibt erstmal die Luft weg. Alle paar Meter ein anderer Geruch. Diesel, Pisse, Fettgebäck. Brennendes Plastik, Tiergedärme, Blumen. Ständige Rufe, "Sir! Taxi?" Ein Ehepaar sitzt am Straßenrand und hackt mit großen Messern einen Bambusstamm in schmale Streifen. Ein anderer Mann schiebt diese Streifen durch eine handbetriebene Maschine und quetscht sie platt. Ein kleiner Haufen Kohle knistert lustig vor sich hin, daneben ein aufgeklapptes Bügeleisen wie aus dem 19. Jahrhundert.

Handarbeit

Thema Arbeitssicherheit

oh Mann!

Jemand mahlt Reismehl in großen Maschinen. Keilriemen und Antriebsrad liegen offen und drehen sich in einem Wahnsinnstempo. Ein Mann bedeutet dir, seinen Laden zu betreten. "No buy, just look!" Noch einer, gleiche Geste, gleicher Spruch. Du gehst nicht drauf ein. Ein Schneider mit Schere in der Hand. Ein satter Rülpser brandet an dein Trommelfell. Ein Beil schneidet durch den Smog und saust auf einen Holzblock nieder, darauf eine Ziegenleber, Fliegen bringen sich kurz in Sicherheit. Eine zerknitterte Oma, in wunderschöne Tücher gewickelt, sitzt auf der Straße, isst mit der rechten Hand Reis aus einer Plastikschüssel und spuckt dir gedankenlos direkt vor die Füße.

Fleischer

Bäcker

Blickfang!

Füße... hmm, da war doch was... Du schaust nach unten. Ach ja, der Privatdetektiv! Folge 1: Ben Kato und die jämmerliche Badelatsche. Die breiten Europäerfüße nicht im Fokus der Produzenten, herrscht dummerweise Mangel an passender Fußbehausung. Als Kato endlich fündig wird, weiß er nicht, was er mit den alten Schlappen machen soll. Kein Mülleimer weit und breit! Er hält sie dem Verkäufer mit einem fragenden Blick hin. Der Verkäufer bedeutet ihm, sie einfach auf die Straße zu schmeißen. Kato folgt dem Rat und sein belustigtes Kopfschütteln bricht den Bann! Er schüttelt seinen Ekel ab. Nun kann sich dem Chaos entspannt hingeben!

meine Absteige :)
bei einer Tempelanlage

Am zweiten Tag habe ich zwei Tempelanlagen besichtigt. Ich wollte mir auch mal dieses Tikka auf die Stirn schmieren, aber ich traute mich nicht jemanden anzusprechen. Die sahen alle so entrückt aus, wenn sie aus dem Tempel kamen.


Tempel #1

Tikka auf der Stirn

Tempel #2

Tempel #2


im Tempel

im Tempel

Auf der Straße beim Tempel kam plötzlich sowas wie ein Karnevalsumzugswagen vorbei, Polizei kümmerte sich um den wartenden Verkehr. Die Prozession war begleitet von tanzenden Leuten und handgranatenartigen Böllern. Erst später habe ich erfahren, dass auf dem Wagen ein Toter lag und das der "Trauerzug" war.


Trauerzug

in einem Laden ...

... für religiöse Objekte

Abends noch an den Strand, der gute 200 oder 300 Meter breit ist und voller von Buden steht. Fressbuden, Fressbuden, Fressbuden. Handbetriebene Riesenräder und klapperige Kinderkarussels mit alten Bobbycars und Dreirädern darauf. Berittene Polizei, Boote. Ein trauriger Junge mit einem Affen an der Kette. Jemand wollte, dass ich auf seinem Pferd reite. Ein Mann schob den Sari etwas hoch, hockte sich hin und pisste in den Sand. Auf der Straße alle 50 Meter gertenschlanke, junge Polizistinnen, zu Tode gelangweilt.

Kinderkarussel

ich habe es überlebt

Junge, Affe

am Wasser

Um 19 Uhr gab es diesen gratis Meditationskurs, den ich mal ausprobieren wollte. In einem riesigen, alten Gebäude setzte ich mich mit den anderen Teilnehmern im Schneidersitz hin und wartete auf den Lehrer. Ein Mönch in orangenem Gewand setzte sich ans Mikro und erstmal ging es mit Om-Shanti-Shanti-Gesängen los. Dann eine Litanei, was Meditation ist und wie sie wirkt. Meine Knie knarzten und ich musste mich anders hinsetzen. Dann der Praxisteil - blöderweise habe ich seinen indisches englisch nicht so gut verstanden, also wusste ich nicht, was ich im Praxisteil wirklich tun sollte. Er war ganz ok, dieser Kurs, aber das meiste weiß man ja eh schon. Egal, eine Erfahrung mehr.


Vivakananda - Meditationskurs hier

Danach habe ich mich ins Park Hotel chauffieren lassen. Ein, zwei Bier trinken, vielleicht mit Touris quatschen. Ein Bier kostete mehr als meine Absteige in Triplicane pro Tag und die Touris waren alles reiche, verwöhnte Snobistensprösslinge, mit denen man nix zu tun haben will. Eine Nacht in diesem Hotel kostet ab 11.000 Rupies - das sind 200 Dollar.

Chennai (früher Madras) ist krass, aber sowas muss man mal gesehen haben. Und das kleine bisschen, was ich gesehen habe, war so ziemlich das verrückteste, was mir je untergekommen ist. 4,6 Millionen Einwohner. Was für ein Indieneinstieg! Es ist hier sicherlich in den meisten Großstädten so chaotisch, das werde ich also wohl noch öfter genießen dürfen...